Selten
hat ein Chessbase-Produkt einen solchen Hype entfacht, wie die
dreiteilige CD-Reihe des Alexander Bangiev: Felderstrategie (1-3).
Hauptgrund dürfte die ebenso einfache, wie unglaubliche Behauptung
gewesen sein, man sei mit der von Bangiev angewandten Denkmethode dazu
in der Lage, auch als durchschnittlicher Vereinsspieler stets wie ein
Großmeister den besten Zug zu finden. In der Tat fasziniert die
Felderstrategie dadurch, dass man durch eine festgelegte Reihenfolge
von sich selbst zu beantwortenden Fragen stets zu einem vernünftigen
Zug findet. Gerade im ersten Teil, der sich mit Taktik-lastigen
Mittelspielstellungen beschäftigt, ist das Ergebnis verblüffend. Durch
die korrekte Beantwortung der Fragen, kommt man mühelos auf
durchschlagende Qualitätsopfer oder gewaltig wirkende
Bauerndurchbrüche, die man sich sonst womöglich nicht zugetraut hätte.
Aber ist es nicht so, dass diese Züge ohnehin in der engeren
Auswahl stehen und es nur eine Frage der Rechentechnik ist, ob man sich
diese zutraut oder nicht?
Das stimmt. Aber
der Autor behauptet ja auch nichts anderes. Das einzige, was es zu
beweisen gilt, ist: Führt die von Bangiev forcierte Denktechnik
automatisch und ohne größeren Rechenaufwand zum richtigen Zug? Spart
womöglich die durch die Anwendung nicht investierte Rechenzeit genügend
Kraft, um in entscheidenden Phasen 'sehend' zu gewinnen? Darüber haben
sich seit Erscheinen der CDs schon tausende von Experten die Köpfe
zerbrochen. Ich las in Internetforen, dass manche deswegen davon
abraten, weil das viel zu kompliziert sei und man durch die Anwendung
nichts gewinnt, sondern an Spielstärke sogar verliert.
Von
Blenden und Geheimnistuerei war oft die Rede. Andererseits verkaufen
sich gerade diese CDs wie 'warme Semmeln' und füllen ganze
Trainingsabende mit erstaunt gefesselten Zuhörern in Vereinen und
Seminaren. Die Felderstrategie füllte beispielsweise in meinem Club
drei Trainingseinheiten mit begeisterten Schülern.
Wie kommt
es nun, dass der einerseits unbestrittene Effekt und der sagenhafte
Verkaufserfolg den so wenig standhaft Anwendenden gegenüber steht? Ist
es am Ende doch nur unsere Gewohnheit, unsere über Jahre so gefestigte
Denktechnik, die eine Änderung einfach nicht mehr zulässt? Wie
sieht ein Lerneffekt beispielsweise bei einer uns eher unbekannten aber
riskanten und abenteuerlichen Eröffnung aus? Kommen, sehen, staunen wir
und sagen uns: Das spiele ich ab jetzt auch? Oder ist es nicht eher so,
dass wir uns das Positivste und Interessanteste mitnehmen und doch
wieder in unsere alten Gewohnheiten zurück fallen? Um es noch etwas
provokanter zu formulieren: Sind wir zu faul zum Lernen?
Natürlich sind wir das in aller Regel nicht! Aber wieviel Zeit kann ein
durchschnittlicher Clubspieler tatsächlich dem schachlichen Erfolg
durch Üben opfern? Wie lange haben sie persönlich, um beim Beispiel der
Eröffnung zu bleiben, daran gebastelt bis Sie in so ziemlich allen
Abspielen sicher stehen? Und genau das ist womöglich der berühmte Haken
an der Sache:
Bangiev "verlangt", dass wir unsere eigene
Denktechnik aufgeben. Das wir uns strikt an ein Muster von Fragen
halten, die uns durch deren eigene Beantwortung zum jeweils besten Zug
führen. Und das ist - mit Verlaub - sauschwer. Ganz
besonders in der Phase von der Eröffnung zum Mittelspiel hin.
Urplötzlich soll ich für jeden noch so einfach zu findenden
Entwicklungszug mir selber Fragen stellen, wie: Welche Strategie, in
welcher Richtung auf welcher Farbe in welcher Zone, auf welches
Zielfeld...
Und doch ist es genau das - und nur das - was
uns nach der B-Methode zum Erfolg führt. Lernen Sie, sich selbst ein
wenig aufzugeben. Indem Sie das Schachspielen faktisch neu erlernen
oder vielmehr: Das Denken während des Schachspiels. Der Meister selbst
schreibt dazu: "(Es ist eine Methode, die...) ... die Denktechnik des
Spielers fördert. Das ist die B-Methode. Die Anwendung der Methode
besteht darin, dass der Trainer (der Autor) ausführt wie man an dieser
Stelle zu denken hat, und den Schüler (den Leser) dadurch motiviert die
möglichen Züge selbst zu sehen. Das Denktechniktraining besteht
grundsätzlich im Lösen von Schachaufgaben (Trainingsmaterial). Dabei
soll ein und dieselbe Denkmethode (B-Methode) angewandt werden."
Nun hat sich der IM aber nicht auf dem Erfolg der CDs ausgeruht und gleich eine ganze Bibliothek
zu seiner B-Methode geplant und zum Teil schon umgesetzt. Die Idee ist,
durch die vielen Anwendungsgebiete der Felderstrategie ein ganzes
Spektrum zu bieten, in das der geneigte Leser einsteigen kann. Den
Anfang machte das Buch "Felderstrategie für Morra-Gambit". Außerdem
bereits erschienen ist "Felderstrategie - Taktik". Weitere Projekte
sind geplant. Anschließend soll "Felderstrategie - Denkmethode"
erscheinen.
Das alles hört sich nach reichlich Lernstoff an
und das ist es auch. Sie sollten aber völlig ohne Vorbehalte an die
Bücher und CDs gehen und zunächst einmal prüfen, ob Ihnen der Lernstoff
liegt - denn nur wer gerne lernt, lernt auch gut. Dazu bieten die unten
genannten URLs zu den Bangiev-Seiten reichlich Gelegenheit,
Informationsmaterial und Beispiele. Dass der Autor mit entsprechendem
Ernst bei der Sache ist, zeigt schon der Titel "Bangiev-Bibliothek".
Außerdem gibt es zu jedem Buch den ganzen Inhalt auch online, freilich müssen Sie zuerst in das Buch investieren, um den Online-Schlüssel zu erhalten.
Dieser schaltet dann auch Beispiele und Übungen frei, anhand derer Sie
Ihre gerade erworbenen Fähigkeiten überprüfen können. Es ist ein
durchaus risikoreiches Unternehmen, eine Buchreihe zu veröffentlichen,
zu bewerben und zu vertreiben. Möglich war das in Zusammenarbeit mit
dem Silbersaiten-Verlag. Ich wünsche dem Autor, dass sich dieses Risiko
lohnt.
Vom Inhalt der Bücher bin ich ohnehin überzeugt.
Ob das allerdings reicht, die interessierten Leser auch zur steten
Anwendung der Denkmethode zu überzeugen, wird die Zukunft zeigen. Die
Bücher machen durch das umfangreiche Glossar zu Anfang (Sie sollen ja
lernen, was 'Zielzone' und 'Farbfrage' überhaupt bedeutet), zunächst
einen staubtrockenen Eindruck. Vielleicht hätte man gerade im Hinblick
auf das Ziel, den Schülern eine neue Denktechnik zu vermitteln, das
theoretische Material hinten anhängen sollen. Reine Geschmacksfrage,
selbstverständlich.
Auch ist es nicht jedermanns Sache, in
einer computerdominierten Zeit etwas Neues aus dem Buch heraus
auszuprobieren. Andererseits ist das geschriebene und im Buch gelesene
Wort immer noch einprägsamer, als die schnelle Umsetzung am PC.
Entscheiden Sie selbst, ob Sie sich lieber an die CDs von Chessbase
oder die Bücher aus der Bibliothek halten. Aber wenn Sie wirklich und
ernsthaft an einer dauerhaften Steigerung Ihrer Spielstärke durch die
Felderstrategie interessiert sind: Bleiben Sie um Himmels Willen am Brett!
Verzweifeln Sie nicht, wenn das Erlernen etwas Mühe und Konzentration
erfordert. Es wird sich früher oder später auszahlen. Selbst dann, wenn
Sie mal wieder nur das Interessanteste mitgenommen haben.
Klaus Jörg Lais.
Quelle: www.schachbund.de
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